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Lünen, 28.III.2006

Ein Abend in meiner Heimatstadt

Mir steht das 5jährige Abiturtreffen bevor. Als ich die Einladung überkam, erfasste mich das Grauen. In kleinen Flashs kamen Erinnerungen an die Schulzeit wieder und mein damaliges Lebensgefühl: fehl am Platz zu sein. Sicherlich gab es damals lustige Zeiten, nette Freunde, tolle Lehrer, aber insgesamt kam ich mir doch ein wenig wie ein Freak vor. Die Leute waren cooler als ich, betrachteten Fremdworte als Krankheiten und jedwede Äußerung von Intelligenz als Zeichen von Schwäche. Schön und gut, ich verschwand zum Studium aus meiner Heimatstadt und habe die Leute und die Umgebung nie vermisst.

Mit einigen wenigen hielt ich sporadischen Kontakt. So kontaktierte ich nach Erhalt der Einladung zum Klassentreffen eine alte Schulfreundin. Eine intelligente, ausgeflippte Frau, die schon damals mit immer wechselnden Haarfarben, Springerstiefeln, Piercings und schrillen Klamotten auffiel. Sie hat sich nicht wesentlich verändert, die Zahl der Piercings ist exponentiell gestiegen und sie macht eine Ausbildung als Friseuse in einer Szenekette für Haarschnitte.

Diesen Abend verbrachte ich mit ihr in unserer alten Stammkneipe, der damals einzigen Kneipe Lünens, in der sich junge Leute trafen. Sie nennt sich "Campus" und ihr akademischer Anspruch beschränkt sich auf die Bücherfakes, die in den Regalen über den Tischen stehen und unter denen der Duden etwa 20mal zu finden ist.

Kaum hatten wir unsere Pizza vor uns stehen, tauchten zwei alte Klassenkameraden auf. Keinen von ihnen hatte ich in den letzten fünf Jahren gesehen. Sie setzten sich zu uns und wir plauderten über alte Zeiten und vor allem darüber, was aus den Leuten, die wir damals so kanntem geworden ist. Ich kann vorab so viel verraten, dass ich mit meinem eigenen Leben unendlich zufrieden bin, besonders nachdem ich die vielen Geschichten gehört habe.

Fangen wir unspektakulär an. Eine Reihe von Leuten haben ihre ursprünglichen Studienpläne aufgegeben und sind auf Lehramt umgestiegen. Das kommt in vielen Stufen vor, sollte Menschen aber davon abhalten ihre Kinder in NRW zur Schule zu schicken.

Ein paar hatten in Dortmund Informatik studiert, einige wenige haben sich an der Uni durchsetzen können, viel mehr sind an die FH gewechselt. Manche haben ihr Vordiplom noch immer nicht fertig.

Einer heiratet jetzt seine russische Brieffreundin. Dank des katholischen Elternhauses wird auch gleich geheiratet. Momentan erledigt er die Rennereien bei den Ämtern, damit das Kind in Deutschland zu Welt kommen kann.

Eine ist mit dem Stiefvater ihres Exfreundes verheiratet und hat von ihm zwei Kinder.

Einer ist Totengräber geworden und in der Wohnung eines seiner Freunde hängt ein Oberschenkelknochen an der Wand.

Einer lässt sich für die Linke Liste aufstellen und will zur Völkerverständigung ein Jahr nach Kuba. Nebenbei studiert er in Münster Jura.

Eine war zuletzt hinter der Theke im Sonnenstudio gesehen - ob als Nebenjob oder Beruf ist nicht klar - zumindest wird sie ein Diplom als Sonnentante gemacht haben.

Einer hat sich zum Filialleiter einer REWE-Filiale ausbilden lassen.

Einer anderer ist zum dritten Mal an seinem Abitur gescheitert und bewirbt sich nun erfolglos auf eine Ausbildung zum Fitnesskaufmann.

Von einem Pärchen ging er zur Marine und sie ließ sich zur Krankenpflegerin ausbilden - sie wohnen seit fünf Jahren mit seiner Mutter in einer Wohnung.

Von vielen haben wir gar nichts mehr gehört - manche Namen haben wir glatt vergessen. Es geistern Geschichten von versuchten Musikerkarrieren in Berlin und Paris durch die Stadt, von Berufstöchtern und Drogenkarrieren, Kreditkartenbetrügen und Knastepisoden. Nichts genaues weiß man.

Ein paar Menschen studieren brav Jura, andere Industriedesign oder Ingenieurswissenschaften. Vielfach sind es grad die langweiligen Menschen von damals, die sich heute ein stabiles Leben aufgebaut haben. Wenige haben es weiter als bis nach Dortmund, Bochum oder Münster zum Studieren geschafft und viele wohnen heute noch zu Hause. Im ganzen erscheint mir der Schnitt ziemlich krass.

Die Jungs verließen die Kneipe vor uns. Als wir dann aufstanden, sprach uns ein Junge um die 20 vom Nebentisch an, der dort mit drei Mädels saß. Ob wir die beiden Typen gut kennen würden. Ob wir die Freundinnen seien. Auf unsere fragenden Blicke klärte er uns darüber auf, dass er mal mit einem von beiden zusammen gewesen sei. Ein netter Abschluss des Abends, wie ich finde.
28.3.06 22:49
 


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froschfilm / Website (29.3.06 10:13)
Sowas kenne ich, allerdings nicht von meiner Klasse. Schließlich hab' ich ein Süd-Abitur. Nur eins: Grad die Langweiligen haben sich ein stabiles Leben aufgebaut. Stabil war schon immer langweilig! Die anderen verschwenden ihre Jugend und können wenigstens scheitern.

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